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Earl Eugene Scruggs

Geboren: 6. Januar 1924, Flint Hill Community, Shelby, NC

Gestorben: 28. März 2012, Nashville, TENN

Instrument: Banjo, Gitarre

„Als ich vier Jahre alt war, konnte ich nur dann das Banjo meines Bruders Junie oder das meines Vaters spielen, wenn das Corpus an meiner rechten Seite lag und ich das Banjo ein wenig hin- und herschob, je nachdem wo auf dem Hals ich spielen wollte“. Biographie auf EarlScruggs.com

Kompositionen:
Mehr als 150 Songs und Instrumentals, viele zusammen mit Lester Flatt, darunter
“Cabin on the Hill” (Billboard Spitzenplatz auf # 9, 1959 für Flatt & Scruggs)
“The Legend of the Johnson Boys” (Billboard Spitzenplatz auf # 27, 1962 für Flatt & Scruggs)
“My Saro Jane” (Billboard Spitzenplatz auf # 40, 1964 für Flatt & Scruggs)
“Foggy Mountain Breakdown” (Billboard Spitzenplatz auf # 58, 1968 für Flatt & Scruggs)
“Don’t Get Above Your Raising” (Billboard Spitzenplatz auf # 16, 1981 für Ricky Skaggs)
“Earl’s Breakdown”
“Flint Hill Special”
“Randy Lynn Rag”

Frühe Einflüsse
Rex Brooks
Dennis Butler
Maybelle Carter
Smith Hammett
Fisher Hendley
Snuffy Jenkins
Mack Woolbright

“Earls eigener Stil tauchte auf, als er, etwa zehn Jahre alt, nach einem Streit mit seinem Bruder über die Dreifingertechnik stolperte“. Neil V. Rosenberg, in Stars of Country Music, 1975.

Wurde berühmt mit

Bill Monroe and the Blue Grass Boys, 1945-1948

“Er ist kein bisschen komisch”. Uncle Dave Macon in der Nacht, als Earl mit den Blue Grass Boys debütierte. Zitiert in Chet Hagan, Grand Ole Opry, 1989.

Trat auf mit

Carolina Wildcats, Gastonia, NC, 1939
Morris Brothers, Spartanburg, SC, 1939
Carl Story & the Rambling Mountaineers, Asheville, NC, 1942
“Lost” John Miller, Knoxville/Nashville, TN, 1945
Bill Monroe and the Blue Grass Boys, 1945-1948
Lester Flatt and Earl Scruggs and the Foggy Mountain Boys, 1948-1969
Earl Scruggs Revue, 1969-1980
Soloakt mit wechselnden Mitarbeitern, 1980 - 2012

Bereitete den Weg

• Führte den “Scruggs-Style” ein, das Modell für praktisch jeden folgenden Banjospieler in Bluegrass
• Leitete mit Lester Flatt die erste national und international herausragende Bluegrass Band
• Grand Ole Opry Mitglied, 1955-1969
• Country Music Hall of Fame, 1985
• Bluegrass Hall of Fame, 1991
• National Medal of Artistic Achievement, 1992
• Million-Air Award von BMI bei der Feier von einer Million Sendungen von “Foggy Mountain Breakdown,” 1994
• Grammy Award für “Best Country Instrumental”, 2002
• Stern auf dem Hollywood Walk of Fame, 2003

“Jeder fragt besorgt, wer diesen Stil erfunden hat und es ist klar, dass es Dreifingerpicker schon lange gegeben hat – vielleicht seit 1840. Aber ich habe das Gefühl, dass sich niemand über den Erfinder Sorgen machen würde, ginge es nicht um Earl Scruggs“. John Hartford, zitiert in Barry R. Willis, America’s Music: Bluegrass, 1989.

Nebenbei:

• Fingerpickgitarre  in Gospelsongs und Liedern der Carter Family, um den Sound der Foggy Mountain Boys abzusetzen von dem von Bill Monroe.
• Als “pre-teen” in den Jahren 1949 und 1950 saß J.D. Crowe, so oft er konnte, in der ersten Reihe, um  Earl Scruggs’ Banjospiel bei WVLK in Versailles, nahe Lexington, Kentucky, zu studieren.
• Schrieb das Banjo-Instrumental “Randy Lynn Rag” 1953 zu Ehren der Geburt seines Sohnes Randy Lynn.
• Ehefrau Louise Scruggs (1929-2006) war die erste prominente weibliche Businessfigur in der Country Music.
• Steuerte seit 1957 sein eigenes Flugzeug zu entfernten Auftrittsorten.
• Schrieb “Earl Scruggs and the Five-String Banjo” und konstruierte die Scruggs Tuner, mit denen man schnell und genau die Stimmung der Saiten während des Spielens verändern kann.
• Sprach sich öffentlich gegen den Krieg während des 1969 US Vietnam Moratoriums in Washington, DC. aus.
• Ein Katalysator bei der Organisation der Auftritte von Countrylegenden beim historischen “Will the circle be unbroken”-Album im Jahr 1974.

 

 

Earl Scruggs 6. Januar 1924 - 28. März 2012

 

Selbst den deutschen Tageszeitungen war es eine eigene Meldung wert, dass Banjopionier Earl Eugene Scruggs am 28. März 2012 “aus natürlichen Gründen” in Nashville gestorben ist. Mit ihm hat uns wohl der letzte der ganz Großen aus der Gründergeneration des Bluegrass verlassen, einer, der sowohl der Musik insgesamt als auch seinem Instrument zu deren heutigen weltweiten Popularität verholfen hat. Seine Dreifingertechnik auf dem Five-String war und ist noch die Richtschnur für alle folgenden Banjoistengenerationen, es ist allgemein anerkannt, dass jeder Neuling zuerst Scruggs studieren muss und dann erst alle anderen. Und sicher hat er mehr für die Verbreitung seiner Musik getan als jeder andere einschließlich Bill Monroe oder gar als alle anderen zusammen; seinen “Foggy Mountain Breakdown” kennen viele, die sonst mit Bluegrass nichts zu tun haben (wollen). Dabei ist letzterer Aspekt untrennbar mit seinem Partner Lester Flatt und der gemeinsamen Band, den “Foggy Mountain Boys”, verbunden.

 

Geboren wurde der Banjoheros am 6. Januar 1924 in Shelby, N.C. in eine große, Musik liebende Farmerfamilie. Vier Jahre später starb sein Vater nach langer Krankheit, Klein-Earl übernahm sein Banjo und übte im hergebrachten Zweifingerstil, mit zehn bastelte er sich seine berühmte Dreifingertechnik zurecht. Dabei hat er diese nicht aus dem Nichts heraus geschaffen, da gab es wie immer und überall Vorläufer und Wegbereiter. Die sind zu hören z.B. auf der CD “American Banjo Three Finger and Scruggs Style” (Smithsonian Folkways SF 40037 von 1990). Wie sehr er in diesem zarten Alter schon mit anderen Dreifingerpickern vertraut war, lässt sich nicht ermitteln. Sein älterer Bruder Junie hat jedenfalls auch schon damit experimentiert. Elf Jahre später, 1945, spielte er mit “Lost John” Miller & His Allied Kentuckians und beschloss, die Fabrik zu verlassen und von der Musik zu leben. Noch im gleichen Jahr, am 8.12., trat er erstmalig mit Bill Monroe & The Blue Grass Boys auf. Lester Flatt gehörte schon zur Band, dazu Chubby Wise (fd) und Howard Watts alias Cedric Rainwater (bs). Am 16.6.1946 nahm die Band die ersten Titel auf, darunter “Heavy traffic ahead” mit einem jazzigen Banjo von Scruggs. Das lässt sich mehr oder weniger als die Geburtsstunde des Bluegrass ansehen. Der Name selbst für diese Musikrichtung war damals noch nicht gefunden. Die Herrlichkeit mit Monroe währte nur zwei Jahre bzw. 28 aufgenommene Titel (Mehrfachversionen nicht mitgezählt), dann, im Frühling 1948, verließen sie nacheinander ihren Boss, weil sie sich ausgerechnet hatten, dass sie als eigene Chefs mehr verdienten als als Sidemen. Monroe war empört und, nachtragend wie er war, sprach er 23 Jahre nicht mehr mit ihnen, versuchte vergeblich, ihre Aufnahme in die Grand Ole Opry zu verhindern (bei Jimmy Martin war ihm das gelungen).

 

 

Die abtrünnigen Flatt & Scruggs nahmen umgehend die Arbeit auf, starteten die Foggy Mountain Boys, nahmen praktischerweise auch den Bassisten Cedric Rainwater mit. Zur selben Zeit heiratete Scruggs Louise Certain, die sich als Managerin der Band etablieren sollte, die erste Frau in diesem Job, und sie wird allgemein als ganz clever dargestellt. Sie konnte die ganze Bluegrassgeschichte erklären, ohne Bill Monroe auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Auch als Co-Autorin vieler Lieder wird sie genannt, was nicht bedeutet muss, dass sie tatsächlich beteiligt war. Monroe seinerseits sah in Scruggs nur einen von vielen Blue Grass Boys in vielen Jahren. Er war für ihn damals nur zweite Wahl, Monroe wollte eigentlich Don Reno anstellen, aber der musste zum Militär. Im Herbst 1948 nahmen Flatt & Scruggs ihre ersten Titel für Mercury auf, beginnend mit “God loves his children”, es folgte die erste Fassung von “Foggy Mountain Breakdown”. Nach ebenfalls 28 Titeln wechselten sie zu Columbia, wo sie für den Rest ihrer aktiven Zeit bleiben sollten. Dort benutzte Scruggs erstmalig für “Earl’s Breakdown” seine Tuner, mit denen mitten im Spielen blitzschnell die Tonart gewechselt werden konnte; Bill Keith hat sie später perfektioniert. 1953 zogen Earl & Louise nach Nashville und bekamen ein Morgenprogramm beim Radiosender WSM, der auch die Grand Ole Opry betrieb. Mitglied in der vielbegehrten Institution wurden sie allerdings erst 1955, Monroe konnte es nicht länger verhindern. Damals nahmen sie, Flatt & Scruggs und die Foggy Mountain Boys, auch eine ganze Reihe von Fernsehprogrammen auf, die in den letzten Jahren nach und nach auf DVD wieder auftauchten. Bill Monroe nahm es lange Zeit allen Konkurrenten übel, dass sie seinen Stil, seine persönliche Erfindung so ohne weiteres kopierten, und er konnte sich nur schwer damit abfinden, dass Bluegrass inzwischen Allgemeingut war. Flatt & Scruggs wollten sich auch musikalisch von ihm abwenden, drängten die Mandoline in den Hintergrund, wie es auch die Stanley Brothers machten, und heuerten 1956 Buck “Uncle Josh” Graves als Dobrospieler an, was dem harten und scharfen Bluegrass-Sound etwas von seiner Aggressivität nahm. Bill Keith co-operierte noch einmal mit Scruggs: Der galt als Autor des auf lange Zeit einzigen Lehrbuches fürs Bluegrassbanjo, tatsächlich hat es Keith verfasst, aber Scruggs als Autor galt wohl als attraktiver.

 

Das Jahr 1959 bringt einen Meilenstein in der Bluegrassgeschichte, Earl Scruggs tritt beim Newport Folk Festival auf und öffnet damit allmählich den Weg in Colleges und Universitäten. Den Anfang damit hatten freilich die Osborne Brothers im Jahr 1960 gemacht, die erste Band, die in einem College auftrat (in Antioch, Ohio). Die Collegeauftritte hatten aber nicht immer den gewünschten Erfolg, denn die Studenten warteten auf Scruggs’ fetziges Banjo, stattdessen hörten sie eine altmodische Geige und einen (in ihren Ohren) langweiligen Crooner, Lester Flatt! In diesem Jahr benutzten Flatt & Scruggs zum ersten Mal ein Schlagzeug bei einer Aufnahmesitzung, und das mag man als den Beginn der Entfremdung zwischen Flatt und Scruggs ansehen. Das war aber vielleicht die erfolgreichste Periode ihres Schaffens, sie hatten einige gute Platzierungen in den Country-Charts: “Crying my heart out over you”, “Polka on a banjo”, “Go home”, “Just ain’t”, “Pearl Pearl, Pearl”, “The legend of the Johnson Boys” u.a. 1962 traten sie in der prestigereichen Carnegie Hall in New York auf, wovon auch ein Livemitschnitt veröffentlicht wurde, sie mussten freilich auch erleben, dass sie in der Vanderbilt University in Nashville erst einmal abgelehnt wurden: Man sei nicht an Grand Ol’ Opry Music interessiert (und das in der Music City USA!). Ein viel bejubeltes Konzert, wieder samt Livemitschnitt, fand im Mai 1963 aber doch statt. In diese Zeit fällt auch ihr einziger #1-Hit, “The ballad of Jed Clampett” aus der TV-Serie “The Beverly Hillbillies”. Dieser Erfolg wird allerdings getrübt durch die Tatsache, dass das Lied sehr untypisch für Bluegrass ist und dass die Träger der Bluegrasskultur, eben die sog. Hillbillies, wirklich als Hinterwäldler dargestellt werden zum Ergötzen einer städtischen Zuschauerschaft. Doch aller Erfolg konnte nicht verbergen, dass die beiden sich allmählich entzweiten, die Band nahm Songs von Bob Dylan auf, die Flatt nicht gefielen, bei einer LP von 1964 spielt Mundharmonikaspieler Charlie McCoy mit. Scruggs aber fühlte sich eingeengt, wollte seinen musikalischen Horizont erweitern und brachte auch seine Söhne Gary und Randy Lynn in die Band ein, wo Flatt sich beiseite gedrängt fühlte. 1968 nahmen sie ihre letzte gemeinsame LP “Nashville Airplane” auf, Flatts Widerwillen ist deutlich zu hören. Es half also nichts, im Frühling 1969 trennten sich die beiden. In diesem Jahr bekamen sie aber noch einen Grammy für den “Foggy Mt. Breakdown” in der neuen Version, kürzer und lahmer als die von 1950, im Film “Bonnie & Clyde”. Flatt machte mit wechselndem Erfolg weiter mit einer Band, die “Nashville Grass” getauft wurde nach einer Publikumsbefragung. Es dauerte 18 Jahre, bis Monroe und Flatt sich einigermaßen versöhnten, 1971 bei Monroes Bean Blossom Festival. Flatt bekam Gesundheitsprobleme, am 11. Mai 1979 starb er, knapp 65 Jahre alt.

 

Scruggs hatte in vieler Hinsicht seinen eigenen Kopf: am 15.11.1969 beteiligte er sich an einer Kundgebung gegen den Vietnamkrieg teil - nur wenige Bluegrasser taten das. Er gründete mit seinen Söhnen Gary und Randy Lynn  - Steve kam später dazu - die “Earl Scruggs Revue” und integrierte manche Folk-, Pop- und Rockelemente in seine Musik, wirkte auch unerschrocken bei mehreren Plattenprojekten ganz unterschiedlicher Musiker mit. Besonders hervorzuheben ist dabei das vielgeliebte Dreifachalbum (heute sind es zwei CDs) “Will the circle be unbroken” der Nitty Gritty Dirt Band von 1972. Er spielt da nicht nur mit, es hat es auch wesentlich organisiert. Bekanntlich weigerte sich Bill Monroe, daran mitzumachen; die langhaarigen Hippies waren ihm suspekt. Roy Acuff, sicher kein Revolutionär, und viele andere wie Jimmy Martin oder Mother Maybelle Carter hatten da keinerlei Probleme. Auch in den beiden Folge-Opera ist er mit von der Partie. In den folgenden Jahren fiel er immer wieder mit überraschenden Partnern auf, Tom T. Hall, Lacy J. Dalton oder den Burrito Brothers und später Sting und Elton John, drei Lieder brachte er 1979/80 in die Charts. Doch das schwere Banjo hatte über die Jahrzehnte seinen Rücken beschädigt, sein Aktionsradius weiter eingeengt, die “Revue” fand 1980 ihr Ende. 1985 wurden Flatt & Scruggs in die Country Music Hall of Fame aufgenommen, 1991 waren sie mit Bill Monroe die ersten, die in die Hall of Fame der IBMA gewählt wurden. Musikalisch blieb er auf der Erfolgsspur, wenn auch mit eingeschränkter Intensität, privat hatte er manches Ungemach zu überstehen: 1992 ermordete Sohn Steve seine Frau und nahm sich selbst das Leben, 1996 erlitt er während einer Hüftoperation eine Herzattacke, an der er fast starb, 2006 verlor er seine Frau Louise im Alter von 78 Jahren. Von 2004 bis 2006 gab es in der Country Music Hall of Fame & Museum in Nashville eine ihm gewidmete große Ausstellung. 2007 trat er in Nashville bei der IBMA World of Bluegrass als Überraschungsgast auf, 2008 bekam er einen weiteren Grammy für sein Lebenswerk und nahm noch, live im Ryman Auditorium, eine Platte “Earl Scruggs with family and friends” auf. Doch im September 2010 musste er ins Krankenhaus, er hat sich davon nicht mehr erholt, aber im September 2011, ein halbes Jahr vor seinem Tod, trat er noch einmal im International Bluegrass Music Museum in Owensboro, Ky. auf. Am 28. März 2012 beendete er ein langes und erfolgreiches Leben, betrauert von Millionen Fans rund um die Welt. Die Bluegrasser führen eine langandauernde Diskussion zum Thema “Wer ist der eigentliche Schöpfer des Bluegrass, Monroe oder Scruggs?”, und sie debattieren z.T. sehr engagiert für ihren Favoriten. Für beide gibt es natürlich gute Argumente. Verträglichere Leute fanden einen Kompromiss: Beiden gehört die Krone, der eine war auf den anderen angewiesen, ohne Monroe kein Scruggs, ohne Scruggs kein Monroe, lachende Dritte sind auf jeden Fall die Bluegrass Music und wir.

                                                                                                Eberhard Finke

Reprinted with permission from „Bluegrass-Buehne“ magazine