Hall of Fame: Arthel Lane "Doc" Watson
Geboren: 3. März 3, 1923, Stoney Fork Township, bei Deep Gap, North Carolina
Gestorben: 29. Mai 2012, Winston-Salem, NC
Hauptinstrument: Gitarre
“Ich mochte das Banjo wirklich, aber als die Gitarre auftauchte, war sie meine erste Liebe in Musik”. Zitiert in Dirty Linen magazine, June/July 1995.
Kompositionen: Die BMI-Datenbank nennt 136 publizierte Kompositionen, Ko-Kompositionen und Arrangements, darunter: "Doc's Guitar", "Southbound", "Your Lone Journey"
Frühe Einflüsse:
Delmore Brothers, Jimmie Rodgers, Carter Family, Merle Travis, Chet Atkins
Wurde berühmt mit:
Clarence Ashley, auf Folktourneen and Platten 1960-1962
Trat auf mit:
Jack Williams and the Country Gentlemen (North Carolina), 1953-1962
Clarence Ashley and Friends, 1960-1962
Doc Watson, 1962-1970
Doc & Merle Watson, 1970-1985
Doc Watson, 1985-2012
Bereitete den Weg
• Der wichtigste Einfluss auf die Leadgitarre im Bluegrass. Berühmt durch seine Flat-Pick-Arrangements von Geigenstücken
• Veröffentlichte mehr als 40 Alben
• Erhielt sieben Grammy Awards in 1973, 1974, 1979, 1986, 1990, 2002 und 2006 sowie den Grammy Lifetime Achievement Award in 2004
• National Heritage Fellowship, National Endowment for the Arts, 1988
• National Medal of Arts, 1997
• Bluegrass Hall of Fame, 2000
Nebenbei:
• Ehefrau Rosa Lee ist die Tochter von Gaither Carlton, einem Nachbarn und Old Time Fiddler. Sie heirateten 1947 und komponierten zusammen "Your Lone Journey" über ihre Trennungen in den frühen 60er Jahren, als Doc lange auf Tourneen war.
• Sohn Eddy Merle (benannt nach Eddy Arnold und Merle Travis und der Namensgeber für das Merlefest) war Docs Musik- and Touringpartner vom mittleren Teenage-Alter bis zu seinem Tod mit 36 Jahren bei einem Farmunglück.
Trat 1965 beim ersten Mehrtagefestival in Fincastle, Virginia auf.
• Bill Monroe liebte den Einleitungs-Run, den Doc mit ihm in einer Instrumentalversion von "You'll Find Her Name Written There" spielte, und benannte ihn in "Watson Blues" um.
• Docs erste Gallagher Gitarre, die er "Old Hoss"nannte, ist in der Country Music Hall of Fame Nashville, Tennessee ausgestellt.
• Das Doc & Merle Watson Mountain Folk Art Museum wird in der Historic Cove Creek School in Sugar Grove, NC. gebaut.
Doc Watson 3. März 1923 - 29. Mai 2012
Nur zwei Monate nach dem Tod von Earl Scruggs müssen wir uns von einem weiteren ganz Großen aus Bluegrass und Acoustic Music verabschieden: Arthel Lane Watson (so sein korrekter Name) starb im Alter von 89 Jahren. Einige Tage vorher war er ins Krankenhaus eingeliefert worden, musste sich einer Darmoperation unterziehen, von der er sich nicht mehr erholte. Er war kein eigentlicher Bluegrasser, er entwickelte die Gitarre vom Rhythmus- zum Melodieinstrument und war und bleibt das Vorbild für alle folgenden Generationen von Flatpickern: Clarence White, Dan Crary, Norman Blake und viele andere. Zudem war er, der vom ersten Lebensjahr an blind war, ein Mensch von erstaunlichen Fähigkeiten und alle, die je mit ihm zusammen waren, schwärmen von seiner Ausstrahlung, seiner Warmherzigkeit, seinem ausgesprochenen Charisma.
Geboren ist er in Deep Gap, N.C. als sechstes von neun Kindern in eine - natürlich - musikalische Familie. Mit zehn Jahren kam er auf die Blindenschule in Raleigh, N.C. und geriet dort mit vielen Arten von Musik in Kontakt: Klassik, Jazz, Django Reinhardt. Diese Vielseitigkeit sollte künftig sein musikalisches Schaffen prägen. Sein Vater bastelte ihm ein Banjo, als er - Doc - elf Jahre alt war, und er brachte sich alles selbst bei. In der Schule lernte er auch die ersten Gitarrengriffe von einem Freund und übte die ersten Lieder ein. Weitere Quellen waren die traditionelle Musik im Elternhaus und die Sendungen der Grand Ole Opry. Als er 14 war, gab ihm sein Vater eine große Holzsäge in die Hand und damit das Gefühl, etwas zu können und alles zu schaffen, wenn er nur will. Das war ihm eine Erfahrung fürs Leben. Später verlegte er die Elektrokabel im Haus und kletterte aufs Dach, um die Fernsehantenne zu installieren - blind.
Der Vater erkannte das Talent seines Sohnes und kaufte ihm eine ordentliche Stella-Gitarre und der arbeitete sich energisch in die Musik ein. Anfangs spielte er mit einem Daumenpick, wie er es bei Mother Maybelle Carter gesehen hatte, Jimmie Rodgers lehrte ihm den Gebrauch eines Plektrons. Mit 17 kaufte er seine erste Martin-Gitarre auf Raten, das Geld verdiente er durch Straßenmusik. Allmählich wurde er eingeladen zu Amateurwettbewerben und Fiddle-Conventions. Um diese Zeit bekam er auch den irreführenden Spitznamen “Doc” - ein richtiger Doktor ist er ja nicht. Einmal besuchte er den Geigenspieler Gaither Carlton und lernte dessen Tochter Rosa Lee kennen - sechs Jahre später, 1947, heirateten die beiden - die Braut war stolze 14 Jahre alt. Zwei Kinder wurden geboren, Eddy Merle im Jahr 1949, zwei Jahre später Tochter Nancy Ellen.
Der junge Ehemann verdiente sein Geld zuerst als Klavierstimmer, dann, ab 1953, als E-Gitarrist bei Jack Williams & The Country Gentlemen (natürlich nicht die berühmten Bluegrasser). Er wollte einmal auch Geige lernen, aber die Geige wollte nicht, so sattelte er um und spielte die bekannten Fiddletunes, zuerst auf der E-Gitarre, dann auf der akustischen, was heute noch eine Herausforderung für alle Gitarristen darstellt. Acht Jahre blieb er bei Williams und tauschte die alte Martin für eine elektrische Les Paul Standard ein.
Allmählich brach der Folk Boom aus, das Kingston Trio oder Peter, Paul & Mary eroberten die städtischen Bühnen, aber die Musikologen zogen in den Süden, um örtliche Musiker aufzunehmen. So besuchten Ralph Rinzler und Eugene Earle den Old Timer Clarence “Tom” Ashley, ein überlebendes Mitglied der Carolina Tar Heels der 20er Jahre, und trafen da auch Doc Watson und andere Musiker. Die Aufnahmen, die damals entstanden, führten zu Watsons erster LP. Watson hinterließ den besten Eindruck und sollte weitere Aufnahmen machen. Typischerweise wollten die Städter traditionelle, akustische Musik aufnehmen, Watson hatte nur seine elektrische Gitarre und musste sich eine akustische leihen. Rinzler und Earle luden die Musiker, Watson, Ashley und einige mehr, Gaither Carlton, Fred Price und Clint Howard, zu Konzerten nach New York und allmählich schälte sich Watson als Solokünstler aus dieser Gruppe heraus. Meilensteine in der Karriere waren das erste Solokonzert 1962 in Gerde’s Folk Club in New York und die Auftritte beim Newport Folk Festival 1963 und 1964, wo er auch auf Bill Monroe traf, mit dem er einige Titel gemeinsam aufnahm. Rinzler war dann lange Jahre der Manager von Bill Monroe. Da kam Watson auch in Kontakt mit den linken Folkies wie Joan Baez und Tom Paxton und war ihnen gegenüber aufgeschlossener als man erwarten könnte.
Das Reisen von Konzert zu Konzert fiel Watson naturgemäß schwer, so war es eine große Hilfe, dass Sohn Merle herangewachsen war und seinen Vater begleiten konnte. Der hatte sich lange nicht für die Gitarre interessiert, mit 15 Jahren fing er endlich an, mehr in Richtung Blues und Slide Guitar, und konnte nur drei Monate später mit seinem Vater auftreten. In Berkeley, Ca. stieg das erste gemeinsame Konzert. Damit begann auch eine üppige Plattenproduktion, sowohl für Watson allein als auch für das Duo Doc & Merle. Die ersten sieben LPs/CDs erschienen bei Vanguard, die meisten der späteren bei Sugar Hill und etliche anderswo. Besonderen Spaß machte ihm das Album “Docabilly” von 1995 mit Country- und Rockabilly-Titeln: “Ich wollte immer ein solches Album machen, aber sie haben mich nicht gelassen”, klagte er einmal - sie, die Labelchefs und Produzenten. Also ist nicht einmal ein Doc Watson Herr über seine eigenen Produktionen. Ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens war die Mitwirkung am gern als “legendär” bezeichneten Dreifachalbum (bzw. Doppel-CD) “Will the circle be unbroken” von 1972 neben einigen anderen Old Time- und Bluegrasskünstlern einschließlich der gastgebenden Nitty Gritty Dirt Band. Dieses Werk bekehrte viele Städter zu eben dieser Musik, für die sie sonst bestenfalls kein Interesse übrig hatten, und auch Doc Watson eroberte sich damit neue Interessentenkreise. Auch bei Vol. III ist er beteiligt, nicht aber bei Vol. II. 1973 bekam er seinen ersten Grammy von insgesamt sieben für das Album “Then and now”, obendrein 2003 einen achten Grammy für sein Lebenswerk. Sonst war sein Plattenschaffen recht abwechslungsreich, mal mit Sohn Merle, selten mit Ehefrau Rosa Lee, mal mit größerer Besetzung, dann klein und intim; Blues und Bluegrass bildeten ab und zu den Schwerpunkt. Manche der frühen LPs/CDs stießen auch auf Kritik, der eine oder andere Rezensent fand sie zu Nashville-mäßig und kommerziell; es dauerte wohl eine Weile, bis Doc seinen Stil entwickelte, für den er heute verehrt wird.
Ein Unglück schlug im Jahr 1985 zu, da starb Merle im Alter von 36 Jahren bei einem Traktorunfall und Doc “verlor den besten Freund, den ich je hatte”. Nur mit Mühe rang er sich dazu durch, mit der Musik weiterzumachen. Merle war ein Jahr vor seinem Tod des Reisens müde geworden, für ihn übernahm sein Freund Jack Lawrence die Rolle des Begleiters. Neu in der Gefolgschaft war dann auch T. Michael Coleman als Bassist. Bald war auch Merles Sohn Richard nachgewachsen, auch er ein fähiger Gitarrist, der aber nur gelegentlich mit seinem berühmten Opa auftritt und auf einigen CDs zu hören ist. Die Trauer um Merle war überall groß, zu seinen Ehren wurde 1988 das “MerleFest” in Wilkesboro, N.C. gegründet. Im ersten Jahr kamen 4000 Gäste, zehn Jahre später waren es elf Mal so viel, heute ist es eines der größten traditionellen Festivals überhaupt und beherbergt viele Arten von “Americana”, nicht nur akustische Stile. Weitere CDs erschienen zuletzt mit Querschnitten durch sein vorhandenes Schaffen, hervorzuheben ist eine 3-CD-Box “Legacy” mit einem Interview und mit Duettaufnahmen mit David Holt. Einen guten Querschnitt durch sein frühes Schaffen enthält die 4-CD-Box “The Vanguard Years” von 1995. Im Jahr 2000 wurde er in die “Bluegrass Hall of Fame” der IBMA aufgenommen, ganz zu schweigen von vielen anderen Preisen und Auszeichnungen. Sehr empfehlenswert ist auch die CD/DVD “Three Pickers” von 2003 mit Doc Watson, Earl Scruggs & Ricky Skaggs in Liveaufnahmen. 2010 erschien eine Autobiographie “Blind but now I see”, die alsbald vergriffen war und bislang nicht neu aufgelegt ist.
Doch Doc war allmählich in die Jahre gekommen, der Tod von Merle schmerzte weiterhin. Er schränkte seine Konzerttätigkeit ein, aber seine Auftritte waren ein Höhepunkt eines jeden Festivals, vor allem natürlich beim familieneigenen MerleFest, wo er bis zum Schluss seine kaum nachlassende Kunst zeigte. Für seinen Grabstein wünschte er sich die Inschrift “Just one of the people” - im Tod noch so bescheiden wie im Leben: einer aus dem Volk, der ein bisschen Gitarre spielen konnte. Wir werden ihn als solchen im Gedächtnis behalten, aber auch als einen, der wie nur wenige die Musik der Welt bereicherte.
Quellen:
Ralph Rinzler: The Background of These Recordings; Liner Notes zu “The Original Folkways Recordings of Doc Watson and Clarence Ashley”; Smithsonian-.Folkways CD SF 40029/30, 1994
Dan Miller: A Biography of Doc Watson; Flatpicking Guitar Magazine, Juli 1998
David Holt: Arthel “Doc” Watson: Bluegrass Unlimited Juli 2012
www.docsguitar.com
www.wikipedia.de
Eberhard Finke
Reprinted with permission of “Bluegrass-Buehne” magazine